• Liebe Meißnerinnen und Meißner, liebe Sachsen,

    ich komme aus Meißen, ich wurde hier geboren. Es ist und bleibt meine Heimat. Jetzt wohne ich in Potsdam. Heimat, das bedeutet für mich mein wahres zu Hause; die Geborgenheit meiner Eltern; mein Dialekt, zu dem ich auch im fernen Brandenburg gern stehe und mein großer Stolz auf eines der schönsten Bundesländer, die Deutschland zu bieten hat. Nicht zu vergessen ist meine Identifikation mit der sächsischen Mentalität: Lockerheit, Geselligkeit, Herzlichkeit und Reiselust. So sehe ich mich und die Sachsen.

    Seit einigen Monaten schäme ich mich, von meiner Heimat zu erzählen, und zu sagen, dass ich aus Meißen komme. Im Moment ist nichts mehr da von meinem Sachsen-Stolz.

    Ich sehe, dass die “Initiative Heimatschutz” durch Meißens Straßen zieht. Ich lese, dass ein geplantes Flüchtlingsheim brennt, und dass ehemalige Klassenkameraden in den sozialen Medien gegen Flüchtlinge hetzen. Und ich spüre kaum Gegenwehr, kein Aufbegehren in vergleichbar großem Stil zu den Aufmärschen der selbsternannten Heimatschützer.

    Ich bekomme selbst Angst, wenn ich höre, dass einer Freundin, die Plakate gegen die NPD aufhängt, hinterher gerufen wird, sie gehöre ins Gefängnis. Oder wenn ich lese, dass AfD-Anhänger jeden fotografieren, der bei einem Fest der Initiative Buntes Meißen teilnimmt. Wer hat dann noch den Mut, sich zu äußern und sich zu engagieren? Ich hätte auch meine Bedenken.
    Ehrlich gesagt, macht mich das alles ziemlich ratlos. Ich schreibe diesen Brief aus der Ferne und finde es nicht angemessen, kluge Ratschläge von außen zu geben. Eigentlich kannte ich Meißen anders. Zu meinen Schulzeiten gab es eine gut etablierte alternative Szene. Aber wo ist dieses andere Meißen? Ich vermisse es.

    Ja, sicherlich gibt es unterschiedliche Auffassungen über Flüchtlinge in der Bevölkerung. Wir alle wissen, dass uns in Zukunft große Herausforderungen bevorstehen. Aber selbst wenn man Angst hat, folgt doch daraus nicht, rechte Hetze und Nazigegröhle zu dulden.

    Das Meißen, das ich vermisse, würde ein klares Zeichen setzen. Es würde Initiativen wie zum Beispiel Buntes Meißen auf breiter Basis unterstützen. Die Menschen, die in Meißen wohnen, würden sich auf die Menschlichkeit besinnen und unabhängig von der Anzahl der Flüchtlinge dafür in der Öffentlichkeit eintreten.

    Genau diese Menschlichkeit und Herzlichkeit gehören doch eigentlich zu unserer sächsischen Mentalität. Der Hass, die reduzierte Denkweise und das Verschlossene passt doch überhaupt nicht zu uns. Wir sollten wieder mehr auf unser Herz hören und uns auf unsere Menschlichkeit besinnen.

    In diesem Geiste solidarisieren sich weitere abgewanderte Meißnerinnen und Meißner. Ich bin eine der Unterschreibenden.

    Bettina Lindecke, London

    Christiana von Bitter, Hannover

    Christoph Steyer, Dresden

    Franziska Hartmann, Dresden

    Ines Wüstner, Berlin

    Johannes Balk, Panama

    Juliane Weißbach, Lübeck

    Katja Wartenberg, Berlin

    Katja Weniger, Berlin

    Luise Knofe, Shanghai/ Los Angeles/ Berlin

    Nicole Schöppler, Berlin

    Pia Zachmann, Berlin

    Robert Schöppler, Berlin

    Sebastian Schöppler, Berlin

    Susanne Heinrich, Nürnberg

    Sven Janke-Nowak, Berlin

    Thomas Wüstner, Berlin

    Toralf Eichhorn, Münster
    Quellen

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