Die neue Masche der Schleuser

      Die neue Masche der Schleuser

      Innerhalb weniger Tage hat die Grausamkeit der Schlepper einen neuen Grad erreicht.

      Mit uralten Frachtern und Containerschiffen - welche man z.B. bei Ebay für ca. 700.000 Euro erwerben kann - setzt man seine Menschenfracht mitten im Meer aus.

      Diese Menschen haben mehrere tausend Euro gezahlt - nur um ihr Leben zu retten.

      Aber für die Schlepper ist das ein gutes Geschäft: Wenn die Flüchtlinge zwischen 3300 und 6600 Euro pro Person zahlen, macht das allein bei den 450 Flüchtlinge der "Ezadeen" einen enormen Gewinn. Wie hoch der Gewinn bei den fast 770 Flüchtlingen der "Blue Sky M" gewesen sein mag, das ist wohl kaum abzuschätzen.

      Auf jeden Fall ist das ein "Tod"sicheres Geschäft für die Schlepper!

      Hier ein Bericht über die "Blue Sky M"

      Nahe der Küste hatte der Kapitän am 30. Dezember das Steuer verlassen, das Schiff sich selbst überlassen und sich unter die Migranten gemischt. Der Frachter war weiterhin auf Kurs in Richtung Italien und drohte an der felsigen Küste zu zerschellen. In einem waghalsigen Manöver hatte die italienische Küstenwache es geschafft, per Hubschrauber Männer auf dem Frachter abzusetzen, das Schiff unter Kontrolle und in den Hafen von Gallipoli zu bringen. Dort waren die 768 Migranten an Land gegangen.




      ... und hier über die "Ezadeen":

      Die Flüchtlinge auf dem führungslosen Frachter "Ezadeen" haben bis zu 8000 Dollar für ihre Überfahrt gezahlt. Die italienischen Behörden hatten die "Ezadeen" am Donnerstagabend manövrierunfähig 150 Kilometer vor der Küstenstadt Crotone in Kalabrien gefunden.

      Der Präfekt des süditalienischen Cosenza, Gianfranco Tomao, sagte unter Berufung auf Aussagen der 360 Flüchtlinge, die das Schiff im Hafen von Corgliano verließen, sie hätten 4000 bis 8000 Dollar (3320 bis 6640 Euro) an die Schleuser gezahlt. Demnach waren die aus Syrien stammenden Flüchtlinge über den Libanon per Flugzeug in die Türkei gereist, wo sie an Bord der "Ezadeen" gingen.




      Es gibt aber auch private Initiativen - wie die des Ehepaares Catrambone - welches eher zufällig zur Flüchtlingshilfe gekommen ist.

      Mit einer Motor-Yacht schipperten sie über das Mittelmeer. Von Malta über Pantelleria, Lampedusa bis nach Tunis sollte die Reise gehen.

      Die beiden stehen an der Reling. Auf einmal erblickt Regina ein Stück Stoff, das auf den Wellen treibt. Keine Schwimmweste, sondern eine Winterjacke. "Seltsam", sagt Regina zu ihrem Mann. "So etwas tragen Seeleute nicht." Sie rufen ihren Skipper, der früher bei der Küstenwache arbeitete und die Gewässer genauestens kennt. Er hat keinen Zweifel. Die Jacke habe einem Bootsflüchtling gehört. "Der hat die Küste nicht erreicht. Er hat es nicht geschafft", sagt der Skipper.

      Im Dezember 2014 steht fest: Diese Jacke hat das Leben von Chris und Regina verändert – und Tausende Flüchtlinge vor dem Ertrinken bewahrt. Kurz nach ihrem Urlaub gründeten die Catrambones die Organisation Migrant Offshore Aid Station – was so viel heißt wie Flüchtlingshilfsstation auf hoher See – kurz "Moas". Sie kauften sich ein Schiff, die "Phoenix", und stellten eine 20-köpfige Mannschaft von Seeleuten und Medizinern zusammen.


      "Mit Mare Nostrum wären sie noch am Leben"

      29 Bootsflüchtlinge sind am Sonntag vor Lampedusa gestorben. Sie hätten gerettet werden können, wäre nicht mit dem Ende der italienischen Rettungsmission „Mare Nostrum“ und mit Beginn der Frontex-Mission Triton der Einsatzradius der Seenotrettung im Mittelmeer drastisch reduziert worden.

      Das Sterben an Europas Grenzen geht unvermindert weiter. In den letzten Tagen fanden Flüchtlingstragödien in der Ägäis, vor der spanischen Küste und im zentralen Mittelmeer statt. Am Sonntag erfroren mindestens 29 Bootsflüchtlinge zwischen Lampedusa und Libyen. Der Rettungseinsatz war aufopferungsvoll, aber er kam zu spät. Der Anfahrtsweg war zu weit. Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Guisi Nicolini, stellt fest: „Wir sind wieder da, wo wir vor Mare Nostrum waren.“ Mit Mare Nostrum, so Nicolini, „wären sie noch am Leben". Laura Boldrini, Präsidentin des italienischen Senats, teilte via Twitter mit: „Diese Menschen starben nicht bei einem Schiffbruch, sondern an Kälte. Das sind die Folgen des Endes von Mare Nostrum."

      160 Kilometer mussten die Boote der italienischen Küstenwache bis zum Einsatzort fahren. Die 105 Bootsflüchtlinge hatten bereits am Sonntagnachmittag ihren Notruf abgesetzt, aber die Einsatzkräfte erreichten erst viele Stunden später die Unglücksstelle. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits sieben Flüchtlinge an Unterkühlung gestorben. Und auf der langen Rückfahrt starben weitere 22 an Erschöpfung und Unterkühlung.

      Triton –Sterbebeobachtungsoperation statt Rettungsmission

      Seit Auslaufen der italienischen Rettungsoperation „Mare Nostrum“ im Herbst 2014 kritisieren UNHCR, Menschenrechtsorganisationen und einzelne Parlamentarier, dass die europäische Folgeoperation TRITON keine Seenotrettungsoperation ist, sondern lediglich der Grenzüberwachung dient. Die Operation „Mare Nostrum“, die mehr als 100.000 Menschen rettete, war im Oktober 2014 durch die Frontex-Operation „Triton“ ersetzt worden. Der drastisch reduzierte Einsatzradius und die geringere Mittelausstattung machen Triton zu einer Sterbebeobachtungsoperation.

      Antonio Guterres, UN-Flüchtlingshochkommissar, hat im Dezember 2014 die Haltung der europäischen Regierungen mit scharfen Worten kritisiert: „Einige Regierungen räumen der Abwehr von Flüchtlingen höhere Priorität ein, als dem Recht auf Asyl“, so Guterres. Dies sei genau die „falsche Reaktion in einer Zeit, in der eine Rekordanzahl an Menschen vor Kriegen auf der Flucht ist.“ Flüchtlingspolitik dürfe nicht „den Verlust von Menschenleben als Kollateralschaden akzeptieren.“ Der UN-Flüchtlingshochkommissar sprach sich klar dafür aus, in 2015 eine Such- und Rettungsoperation im Mittelmeer zu realisieren, um weitere Tragödien zu verhindern.

      In der Tat: Einige zynische Innenminister in den europäischen Hauptstädten setzen auf diese Tragödien. Sie nehmen diese Toten billigend in Kauf, weil die Seenotrettung ein Anreiz bilden könnte für weitere Fluchtbewegungen. "Mare Nostrum war als Nothilfe gedacht und hat sich als Brücke nach Europa erwiesen", kommentierte etwa der deutsche Innenminister Thomas de Maizière (CDU) das Ende von Mare Nostrum. Um die Logik der Abschreckung aufrecht zu erhalten, wird einfach weniger gerettet.




      Offenbar scheint es nicht bei diesen fast 30 Toten geblieben zu sein ...

      Insgesamt seien drei Schlauchboote mit Flüchtlingen unterwegs gewesen. Auf einem waren zu Beginn der Woche 29 erfroren. Auf zwei weiteren Boote seien insgesamt mehr als 210 Menschen gewesen. "Von diesen überlebten nur neun", erklärte Sami. "Es sind neun und sie wurden nach vier Tagen auf dem Meer gerettet. Die anderen 203 hat das Meer verschluckt." Es sei eine "schreckliche und enorme Tragödie".
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      In der gleichen Region hatte die Küstenwache am Sonntag ein weiteres Boot aus Libyen mit hundert Flüchtlingen aufgebracht. Sieben von ihnen waren bereits erfroren, als die Hilfe eintraf. 22 weitere starben, bevor sie an Bord eines Schiffs der Küstenwache Lampedusa erreichten.




      Tricks der Schlepper werden grausamer

      Der Tod der 29 Flüchtlinge in den Schlauchbooten vor libyschen Küste ist ein weiterer Beweis. Sie waren ja keineswegs in Gummibooten von der Küste aus losgerudert, bei Windstärke 9 und bis zu sechs Meter hohen Wellen. Sie waren, man ist versucht es zu sagen, ganz "regulär" an Bord der Schlepperschiffe gegangen, nachdem sie wie immer die vermeintliche Überfahrt nach Italien mit 4000 Dollar im Schnitt bezahlt hatten. Doch die Schlepper haben sie dann kurz nach der Abfahrt in Schlauchbooten ausgesetzt, per Satelliten-Telefon die Küstenwacht auf Lampedusa informiert und sind verschwunden. Die Flüchtlinge aber blieben im Meer, bei eisigem Wind und durchnässt bis auf die Knochen.

      Die Küstenwachtboote brauchten einige Stunden, um den - von den Schleppern gemeldeten - Koordinatenpunkt auf dem Meer zu erreichen. Zu lange für 29 Menschen, sie wurden als Sterbende an Bord geholt, die italienischen Seeleute konnten sie nicht mehr retten.


      Frontex-PR: Falsche Fakten zu "Geisterschiffen"

      Wenn gleich mehrere Quellen und Nachrichtenagenturen dieselbe Version aktueller Ereignisse verbreiten, lässt sich für Journalisten, die nicht vor Ort sind, kaum nachvollziehen, was wirklich geschehen ist. Und selbst die Berichterstatter vor Ort haben kaum die Möglichkeit in der Kürze der Zeit tiefer nachzuforschen.

      Die Schablone passt

      Anfang Januar berichtete die italienische Küstenwache, dass an Bord des Frachters "Blue Sky M", der voll mit Flüchtlingen war, alle Menschen an Bord wahrscheinlich gestorben wären, wenn sie nicht eingegriffen hätte. Auch Frontex, die europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der EU, sprach davon, der Menschenhandel über das Mittelmeer habe "eine neue Dimension erreicht". Die Schiffe mit 1.200 Menschen an Bord seien von der Besatzung verlassen worden und drohten an der süditalienischen Küste zu zerschellen. Alles schien zu passen.
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      Die Geschichte von den bösen Schleppern

      Erst jetzt, Wochen später, bestätigen Recherchen, dass die Crew keineswegs von Bord ging. Und die Zustände auf dem durchaus seetüchtigen Schiff stellen sich als weitaus besser heraus als berichtet. Frontex hat mit frühen Äußerungen die Deutung der Ereignisse und damit auch die aktuellen Nachrichten dominiert.

      Die Geschichte von den bösen Schleusern wird medial immer wieder inszeniert. Und tatsächlich nehmen diese viel Geld von Menschen, die in Not sind, um sie dann illegal zu transportieren. Ist ihnen also alles zuzutrauen? Medial offenbar schon. Das zeigt die Berichterstattung zum Fall des Frachters "Blue Sky M" lehrbuchhaft.


    Es gibt hier keine Rechtsberatung sondern wir tauschen nur Erfahrungen aus.

     

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