Jugendarbeitslosigkeit: "Wenn alle sparen, geht es in die Katastrophe"

      Jugendarbeitslosigkeit: "Wenn alle sparen, geht es in die Katastrophe"

      Der Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck gibt der deutschen Regierung und ihrer Sparpolitik die Hauptschuld an der steigenden Jugendarbeitslosigkeit in Europa: Wer nichts ausgebe, schaffe auch keine Arbeitsplätze.

      Nana Brink: „Die Arbeitslosigkeit grassiert unter jungen Menschen in Südeuropa wie eine schwere Grippeepidemie" – das ist in einer Analyse des bekannten Ökonomen Heiner Flassbeck zu lesen. Bislang ohne Heilung, muss man sagen, denn in einigen EU-Staaten haben mehr als die Hälfte aller Jugendlichen keinen Job oder Ausbildung. Und das Thema steht ganz oben, wenn sich heute in Mailand die Staats- und Regierungschefs zum EU-Beschäftigungsgipfel treffen. Auch die Bundeskanzlerin ist anwesend. Bereits im Frühjahr 2013 wurde ja beschlossen, sechs Milliarden Euro bereitzustellen, um die jungen Menschen in Lohn und Brot zu bringen. Der Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck, dessen Agentur sich ja mit dem Thema beschäftigt hat, war zuletzt Chefvolkswirt bei den Vereinten Nationen und davor Staatssekretär im Finanzministerium.
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      Deutschland muss die eigene Position überdenken

      Brink: Also ist der schwarze Peter in Deutschland zu suchen?

      Flassbeck: Ja, absolut. Er ist absolut in Deutschland zu suchen. Ich war gerade am Wochenende auf einer Konferenz in England. Da ist es vollkommen klar, wer schuld ist an der Misere. Schuld ist die deutsche starre Haltung in Sachen Wirtschaftspolitik. Man muss hier eine Änderung des Konzepts vornehmen. Und es ist auch vollkommen klar, so wird das auch in der Spitze in Europa, von den Spitzenkräften in Europa diskutiert, dass Deutschland auch seine eigene Position überdenken muss. Es muss einerseits – es darf sich nicht in seiner Sparmentalität feiern. Man feiert ja, dass in Deutschland der Staat keine Schulden macht. Das ist absolut lächerlich in einer Situation, wo Deutschland darauf vertraut, dass das Ausland Schulden macht. Das Ausland soll auch in diesem Jahr und muss auch in diesem Jahr 200 Milliarden Schulden bei Deutschland machen, damit überhaupt ein Prozent Wachstum zustande kommt. Und gleichzeitig feiert man, dass der deutsche Staat in den Überschuss geht, im nächsten Jahr einen Überschuss machen wird, vielleicht sogar Schulden abbauen kann. Das ist vollkommen lächerlich.

      Nein, der deutsche Staat muss jetzt eigentlich – unter vernünftigen Menschen müsste man zu dem Ergebnis kommen –, muss, um die anderen auf ihrem Schuldenniveau zu entlasten, muss Deutschland mehr Schulden machen. Das geht leider nicht anders. Wir sparen unendlich viel, die privaten Haushalte in Deutschland sparen unendlich viel, und irgendjemand muss sich verschulden. Es muss eine Gegenbuchung geben gegen das Sparen, sonst gibt es immer weniger Ausgaben in dieser Welt. Und wenn es weniger Ausgaben gibt, gibt es weniger Arbeitsplätze. Und wenn es weniger Arbeitsplätze gibt, gibt es auch weniger Arbeitsplätze für Jugendliche.

      Brink: Genau. Und da möchte ich noch mal einhaken, weil es gibt ja immer noch das Projekt dieser sechs Milliarden, und es ist ja auch klar, dass die meisten Länder das auch noch nicht mal abgefordert haben. Das heißt, man kann den schwarzen Peter aber auch weitergeben nach dem Motto, da sind Töpfe, die habt ihr noch nicht mal umgesetzt, weil ihr keine Konzepte habt.

      Sechs Milliarden Euro sind keine Garantie

      Flassbeck: Konzepte sind auch nicht so einfach zu erstellen. Wie kriegt man Jugendliche in einen Betrieb, wenn der Betrieb Arbeitsplätze abbaut die ganze Zeit. Das liegt auch an dieser Situation. Natürlich gibt es da wahrscheinlich auch bürokratische Hindernisse, ich weiß nicht, was. Das ist auch vollkommen klar, aber man muss ja ein Konzept entwickeln, wie man Betriebe davon überzeugt, Jugendliche einzustellen. Und das ist nicht so einfach in einer Situation, wo sich die Lage dauernd verschlechtert. Sonst muss es der Staat direkt machen. Aber auch der Staat hat nicht unmittelbar überall die Voraussetzungen, Jugendlichen eine vernünftige Ausbildung zu geben. Dann werden die in irgendwelche Zentren gesteckt und langweilen sich zu Tode. Das ist auch nicht die Lösung. Also, das ist nicht so einfach, dass man sich hinstellt, einen Gipfel macht und sagt, wir machen jetzt mal sechs Milliarden, und dann haben wir eine Garantie dafür, dass Jugendliche einen Job haben.


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